Experten diskutierten aktuelle Fragen: Wie hoch ist der Fachkräftemangel in der IT-Branche tatsächlich und welche Qualifikationen werden tatsächlich benötigt?
Im Bild: von links nach rechts: Ao.Univ.-Prof. MMag. Dr. Gottfried Haber (Universität Klagenfurt), Mag. Ingrid Putz (SORA Institute for Social Research and Analysis), Dr. Ingeborg Friehs (Arbeitsmarktservice Wien), Dipl.-Ing. Rolf Nagel (Siemens-Betriebsrat und Mitglied in der IKT-Branche) und Friedrich Kofler (Obmann der Fachgruppe Unternehmensberatung und Informationstechnologie der Wirtschaftskammer Wien) . Bildhinweis: UBIT Wien/Robert Harson.
Unter dem Eindruck der Demonstration von 1.800 Siemens-Mitarbeitern, die am nachmittag trotz strömenden Regens von der Wiener Oper über den Ring zum Parlament gezogen waren, stand am Abend des 23. Juni die Club IT Diskussion „IKT - Zukunftsbranche mit Nachwuchsmangel?".
Am Podium gingen Dr. Ingeborg Friehs (Arbeitsmarktservice Wien), Ao.Univ.-Prof. MMag. Dr. Gottfried Haber (Universität Klagenfurt),
Dipl.-Ing. Rolf Nagel (Siemens - Betriebsrat und Mitglied in der IKT-Branche), Mag. Ingrid Putz (SORA Institute for Social Research and Analysis) und
Friedrich Kofler (Obmann der Fachgruppe Unternehmensberatung und Informationstechnologie der Wirtschaftskammer Wien) der Frage nach, wie hoch der Fachkräftemangel in
der Branche tatsächlich sei und welche Qualifikationen tatsächlich benötigt würden. Außerdem widmete sich die Runde den Fragen:
Welche Anforderungen werden an Arbeitskräfte im IKT Umfeld gestellt und mit welchen Erwartungen werden BerufseinsteigerInnen konfrontiert?
Für den Siemens Betriebsrat Rolf Nagel sind die angekündigten Kündigungen nicht nachvollziehbar. „Ich glaube nicht, dass diese Maßnahme notwendig ist. Es gibt noch genug Aufgaben im Konzern. Wir werden gebraucht. " So habe Siemens angekündigt sich vermehrt im Bereich Green IT zu engagieren. Aus diesem Grund sei nicht einzusehen, dass 632 bestqualifizierte Mitarbeiter gehen müssten. „Siemens will sich in Zukunft auf drei Geschäftsbereiche konzentrieren. Energie, Gesundheits-IT und Industrie. Der Bereich Telekommunikation kommt nicht mehr vor", kritisiert Nagel. „Wir leiden durch die Ausgliederung des Telekom-Bereiches an die Nokia Siemens Networks", räumt aber ein, dass die dadurch weggefallenen Aufträge weder intern noch extern kompensiert werden konnten. Für Nagel ist unverständlich, dass man „632 Mitarbeiter auf die Straße setzten will und gleichzeitig ein neues Rechenzentrum baut". Trotzdem gebe dies Anlass für Hoffnung.
Requalifizierung großes Problem
„Man darf von Siemens nicht auf die ganze IT-Branche schließen", meint Ingeborg Friehs vom AMS Wien. Der gesamte IT-Markt sei sehr dynamisch. Die Beschäftigungszahlen steigen, gleichzeitig finden aber Austauschprozesse statt. „Das steht die IT-Branche aber nicht alleine da. Im Handel passiert ähnliches", so Friehs. „Unsere Aufgabe ist Arbeitssuchende zu unterstützen und, sollten Sie in der IT-Branche Fuß fassen wollen, zu schulen."
Nicht nur Friehs sieht in der Qualifikation bzw. Requalifizierung der Mitarbeiter ein großes Problem. „Einmal erworbene Qualifizierungen veralten sehr rasch." Das stellt selbst das AMS bei Ausschreibungen vor große Probleme. „Wir kaufen Leistungen zu. Da kann es schon passieren dass beim Start der Schulung, der Inhalt bereits veraltet ist". Auf jeden Fall sei bei den Schulungen eine Vorselektion der Teilnehmer notwendig, um nicht am Markt vorbei ausbilden. Die mangelnde Bereitschaft Lehrlinge auszubilden, verstärke den Facharbeitermangel zusätzlich. „Es gibt einfach zu wenige Lehrstellen". Dass Mitarbeiter schwerer zu vermitteln sind ist, so Friehs eine Tatsache. Da geht es aber nicht immer nur um Qualifikation: „Ich mach mir nichts vor - junge Arbeitskräfte sind billiger.
Strukturelles Problem
Gottfried Haber sieht einen strukturellen Fachkräftemangel in der heimischen IT-Branche. „In den nächsten drei bis fünf Jahren fehlen rund von 2500 bis 3000 qualifizierten IT-Spezialisten". Die Krise habe das Problem nur ein wenig nach hinten, vielleicht zwei Jahre, verschoben". Ein weiteres Problem sei die sich abzeichnende Überalterung in den Schlüsselstellen. „Nur 2,7 Prozent der Aktiven sind jünger als 30 Jahre".
Auch Haber sieht in der Qualifikation ein großes Problem. „Die Halbwertzeiten im Wissen sind in kaum einer anderen Branche so kurz.". Beim Wissen um Konzepte seien es zehn Jahre, im Bereich Programmiertechniken sechs Monate bis drei Jahre. „Im Schnitt darf man von einem Zeitraum von ein bis zwei Jahren ausgehen. Das bedeutet, in der Branche herrscht permanenter Weiterbildungsbedarf". Diese Weiterbildung finde aber nicht statt, ortet Haber auch ein Marktversagen. „Die Unternehmen beschäftigen zu wenig - und bilden nicht aus", bringt es Haber auf den Punkt. Die Auftragseingänge schwanken enorm. Die Auslastung liegt zwischen 30 und 189 Prozent. „Spitzen werden gerne mit Freelancern abgearbeitet." Zudem ortet er in der Branche eine massive Insider-Outsider Problematik. „Die drinnen sind haben kein Interesse, dass Freelancer hereinkommen. Dass sich Unternehmen aufgrund der hohen Lohnkosten keine IT-Spezialisten leisten wollen, lässt Haber nicht gelten. „Im Vergleich wird zu wenig gezahlt."
Nach wie vor geringer Frauenanteil
Dass die IT-Branche - auch in Zeiten der Krise - aufnahmefähig ist, bestätigt Ingrid Putz. Im Auftrag des AMS habe Sora Uni- und FH-Absolventen zum Berufseinstieg befragt. „Hier haben sowohl FH- als auch Uni-Absolventen keine Probleme. Die Stellensuche geht ganz schnell, wurde uns berichtet. Viele Absolventen werden von Arbeitgebern direkt angesprochen." Die Frage, ob dies gleichermaßen auf weiblichen und männlichen Absolventen zutreffe, konnte Putz nicht beantworten. „Aufgrund des geringen Frauenanteils in der Branche, fanden wir nicht genug Frauen um Aussagen treffen zu können". Putz bestätigt, dass auch die Personalisten Frauen für IT-Positionen suchen würden. „Es gibt aber kaum Frauen am Markt." Überraschendes Ergebnis: „Ein Viertel der Uni-Absolventen macht sich selbständig, bei den FH-Absolventen kommt dies kaum vor."
Know-how geht verloren
Die Bedeutung der IT Branche und die Auswirkung der Kündigungen bei Siemens für den Standort unterstrich Friedrich Kofler. „Die Kündigung von knapp 1.250 Mitarbeitern in knapp sechs Monaten ist ein schwerer Schlag für den IT Standort Wien. Hier verlieren nicht nur Mitarbeiter ihren Job, der ganzen Region geht Know-how und Kompetenz verloren." Einer der wichtigsten Faktoren ist die Qualifizierung der Mitarbeiter. Hier hat die PSE als wichtiger Leitbetrieb in der Vergangenheit eine bedeutende Rolle eingenommen. „In der praxisorientierten IT-Ausbildung fehlt nun dieser wichtiger Baustein. Mit dem Rückzug der PSE geht methodisches Prozess-Know-how verloren. In der gesamten Vienna-Region gibt es nur mehr zwölf Unternehmen, die mehr als 250 Mitarbeiter beschäftigen. Die meisten davon sind Bankentöchter oder Konzernniederlassungen." „Der IT-Standort Wien darf nicht zur verlängerten Werkbank einiger international tätiger Konzerne werden. Wir brauchen mehrere innovative Unternehmen am Standort". Die Politik wisse über diesen Umstand Bescheid - allein die Taten fehlen. „Eine gemeinsam mit der Stadt Wien durchgeführte Studie hat ergeben, dass die regionale Bruttowertschöpfung im direkten Vergleich fast 6,5 Mal höher als im Tourismus ist. Bei den Erlösen und Erträgen übertrifft die IKT Wirtschaft den Tourismus gar um den Faktor 10. Allein die Bruttowertschöpfung aus dem IT Bereich ist 3,5 mal höher als im Tourismus."
Haber dazu: „Jeder IT-Job bringt 4,8 Jobs in der Region. Jeder zusätzliche IT-Job bringt 109.000 Euro Wertschöpfung. Bei einem Plus von 5 Prozent an IT Arbeitsplätzen sind das 1,7 Milliarden Euro an Wertschöpfung. Aber auch der Staat profitiert. Im schnitt bringt jeder IT-Job 47.000 Euro an zusätzlichen Steuereinnahmen."
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